„Du musst dir endlich ein dickeres Fell zulegen!“ Sagen Sie das mal zu einem Kurzhaar-Dackel. Selbst wenn er Ihre Worte verstehen könnte, würde er Sie wahrscheinlich nur verständnislos anschauen. Denn wie sollte er, entgegen seiner genetischen Disposition, seine arttypischen Eigenschaften ändern? Viele Zartbesaitete werden immer wieder mit diesem frommen Wunsch der Eltern, Freunde, Kollegen und Vorgesetzen konfrontiert. Sie auch?

Dann geht es Ihnen vielleicht ähnlich wie den meisten introvertierten, sensiblen und hochsensiblen Menschen, mit denen wir über das Thema gesprochen haben. Sätze wie dieser vermitteln das Gefühl: „Ich bin nicht richtig! So, wie ich bin, bin ich nicht in Ordnung!“ Nicht nur, dass wir diesen Rat, sich ein dickeres Fell wachsen zu lassen, wenig wertschätzend und sinnvoll finden, er liegt außerhalb des eigenen Einflussbereiches.

Wann und wo wünschen Sie sich manchmal ein dickeres Fell?
1. In Ihrer Umgebung? (Zuhause, Arbeit, …)
2. In einer oder mehreren Beziehungen? (Privat, Beruf…)
3. In der Kommunikation? (Freunde, Kollegen, Kunden…)
4. Bei den Arbeitsbedingungen? (Druck, fehlende Klarheit, mangelnder Freiraum…)

Wenn Sie sich bewusst machen, welche Situationen schwierig sind, ist der erste Schritt schon getan. Wenn Sie jetzt noch zu unterscheiden lernen, dass es nicht darum geht, mit einem dickeren Fell die Situationen besser aushalten zu können, sondern Ihren persönlichen Einfluss geltend zu machen und sich für Ihre Bedürfnisse einzusetzen, dann können Sie auf achtsame Art viele Wünsche Wirklichkeit werden lassen.

Der Gedanke, Sie bräuchten „sich nur eine dickere Haut zuzulegen“, und die Welt wäre damit in Ordnung, ist nämlich nicht wahr. Sollte Ihnen jemals wieder jemand raten: „Du musst dir mal ein dickes Fell wachsen lassen“, dann können Sie der Person gerne folgendes erklären: „So wie kein Kurzhaar-Dackel ein Langhaar-Dackel werden kann, so kann kein Sensibler ein Normalsensibler und kein Introvertierter ein Extrovertierter werden.“

Neurowissenschaftliche Studien belegen: Introvertierte und Extrovertierte haben andere Gehirne. Die Nervenleitungen, Neurotransmitter sowie das vegetative Nervensystem arbeiten jeweils ganz anders. Nehmen wir mal an, nach einer anstrengenden Woche versucht Ihr extrovertierter Freund Sie zu neuen Aktivitäten und Abenteuern zu überreden, dann wird es wahrscheinlich bei Ihnen genau auf den gegenteiligen Wunsch treffen. Sie spüren wahrscheinlich den wachsenden Wunsch, es sich nach all den Anstrengungen der letzten Woche auf der Couch gemütlich zu machen und Ihren Geist mit einem guten Buch zu füttern.

Jetzt kann es passieren, dass, während Ihr Freund sich schon auf einen adrenalinreichen Tag mit Ihnen freut, Sie Ihre Vorbehalte vorbringen und sich sein Verständnis wünschen. Das kann der Startschuss dafür sein, Sie als Spaßbremse, Weichei, Langweiler oder ähnliches zu bezeichnen. Häufig gefolgt von dem Wunsch: „Stell dich doch nicht so an!“ Und schon ist das Wochenende gelaufen. Kennen Sie solche Situationen? Dann machen Sie sich bitte klar: Sie wollen beide dasselbe. Sie wollen beide gute Gefühle!

Nur, wann bekommen Sie nach einer anstrengenden Arbeitsphase gute Gefühle? Wenn Sie sich auch in der Freizeit noch weiter anstrengen, auspowern und aktiv sind? Oder wenn Sie sich vom Trubel zurückziehen, abschotten und ausruhen?

Viele Hochsensible würden jetzt sagen: Es kommt auf die jeweilige Situation an! Und das stimmt. Nach viel Trubel ist jedoch ihr Wunsch nach Rückzug, Regeneration und Ruhe weitaus größer als bei Extrovertierten. Introvertierte und Hochsensible sind sich in diesem Punkt sehr ähnlich: Beide Persönlichkeitstypen können gut aus sich selbst heraus Kraft tanken, brauchen mehr zeitlichen Raum, um vorherige Erfahrungen zu verarbeiten und genießen Aktivitäten und Anregungen von außen nur in der für sie richtigen Dosis.

Wie schon C.G. Jung sagte: „Alles ist gesund – nur keine Extreme.“  Und was für Extrovertierte ganz normal ist, kann für Introvertierte und Hochsensible sehr extrem sein. Das Gefühl, was angenehm und was unangenehm ist, ist immer individuell.

Statt sich also dem Druck auszusetzen, den Wünschen anderer zu entsprechen, macht es Sinn, sich bewusst zu werden, welche Befindlichkeiten und Bedürfnisse man selbst hat. Nur so können wir als Hochsensible oder Introvertierte gut in der Welt der Extrovertierten leben. Nur, wenn Sie gut für sich sorgen, können Sie Ihre Bedürfnisse befriedigen – nur so bleiben Sie auf Dauer glücklich und gesund.

Eine HSP-Dame sagte gestern: „Seit ich Nein sagen kann, geht es mir viel besser. Wenn jetzt andere beleidigt sind, weil ich mich abgrenze, dann ist das doch viel besser, als wenn ich wieder im Burn-out lande, nur weil ich es allen Recht machen wollte!“  Sie will mittlerweile kein dickes Fell mehr haben.

Hiermit laden wir Sie herzlich ein: So wie hellhäutigere Menschen sich anders in der Sonne kleiden und verhalten als dunkelhäutigere, sollten auch Sie auf Ihre hellfühligen Bedürfnisse achten und entscheiden, was Ihnen gut tut und wo es für Sie langgeht. Wie wäre es, wenn Sie einfach mehr Einfluss auf Ihr Leben nähmen – anstatt sich über die Rücksichtslosigkeit anderer, die Umstände oder Gott und die Welt zu ärgern? Wie? Am besten, indem Sie Ihren Fokus auf Ihre Möglichkeiten lenken! Dabei helfen diese 3 Fragen:

1. Worauf haben Sie keinen Einfluss?
Welche Situationen gibt es in Ihrem Leben, denen Sie nicht entgehen können und die Kraft kosten?
(Lärm, Hektik, Wetter, wirtschaftliche Entwicklung…)
Übrigens: Vor kurzem las ich, dass es nur ca. 10% an Umständen gibt, die wir NICHT ändern können. Meist sind das bestimmte Rahmenbedingungen. Welche sind das in Ihrem Leben? Wenn Sie diese kennen und akzeptieren, dann können Sie Ihre Veränderungskraft getrost auf die verbleibenden 90% ausrichten.

2. Worauf haben Sie teilweise Einfluss?
Welche Situationen gibt es in Ihrem Leben, auf die Sie Einfluss nehmen könnten, es bisher nur noch nicht getan haben?
Einen teilweisen Einfluss haben wir immer dann, wenn andere Menschen an unseren Veränderungswünschen beteiligt sind. Oft formulieren wir unsere Wünsche nicht, weil wir glauben, unsere Wünsche nicht erfüllt zu bekommen. Komisch, oder? Wenn wir auf der einen Seite bereit sind, die Wünsche anderer zu erfüllen, warum sollten andere das nicht ebenso mit unseren Wünschen tun? Beim letzten Vortrag berichteten einige, dass, wenn Sie Wünsche formulierten, diese auch mit einer hohen Bereitschaft erfüllt wurden. Ein Versuch ist es doch wert, oder?

3. Worauf haben Sie zu 100% Einfluss?
Welche Situationen erleben Sie, die Sie zu 100% selbst in der Hand haben?
Ein Teilnehmer im gleichen Vortrag sagte: „Selbst wenn im Außen nichts geht, auf meine Einstellung habe ich jederzeit zu 100% Einfluss.“ Wie Recht er hat!

Wir hoffen, Sie mit diesem Artikel ermutigt zu haben, Ihre Dünnhäutigkeit wertzuschätzen und Ihren Fokus lieber auf das zu lenken, was Sie beeinflussen können – nämlich die Umstände.

Mit entspannten Grüßen verabschieden wir uns für heute!
Astrid-Beate & Christoph Oberdorf

P.S.: „Lebe dein Leben, fürchte es nicht!“ Thekla Lingen

Bild:  istockphoto.com

2 Kommentare
  1. Martina Baehr
    Martina Baehr sagte:

    Liebe Astrid-Beate, lieber Christoph,
    was für ein schöner Artikel. Ich würde mich nicht unbedingt als HSP bezeichnen, aber einige Dinge gehen einem einfach unter die Haut und ich finde die Tipps auch für NIcht-HSP bedenkenswert.

    Zum Thema „gute Gefühle“: Ja wir wollen alle gute Gefühle haben. Aber unsere unangenehmen Gefühle haben ja den Sinn uns auf Situationen aufmerksam zu machen, die uns nicht gefallen oder bei denen wir nicht angemessen reagieren. Und gerade hier sollten wir eben näher hinschauen. Oft versuchen wir aber einfach nur solche unangenehmen Gefühle zu vermeiden anstatt diese Gelegenheit zum Lernen zu begrüßen. Kenne ich auch sehr gut.

    Den ersten Tipp „Worauf haben Sie Einfluss“ finde ich auch sehr bedenkenswert. Ich bemerke bei mir selbst oft, dass ich die Tendenz habe Dinge – oder auch Menschen – beeinflussen zu wollen, die ich nicht beeinflussen kann. Und gerade deswegen dann die Dinge gar nicht mehr wahrnehme auf die ich Einfluss habe. Weil ich dann in meinen Erwartungen und meinem Ärger darüber geradezu gefangen bin.

    Ich wünsche Euch beiden eine schöne Woche, vielleicht sehen wir uns bald ja mal
    Martina

    Antworten
    • dieOberdorfs
      dieOberdorfs sagte:

      Liebe Martina,

      danke für Deinen Kommentar. Du hast natürlich recht, der Artikel ist nicht nur für HSP geeignet. Alle Menschen wollen glücklich sein, dabei stehen wir uns leider häufig selbst im Weg. Paradox, oder? Schön, wenn wir mal wieder ein bisschen aufgerüttel und Bewusstsein geweckt haben.

      Unserem Wiedersehen steht übrigens nichts im Wege, schau einfach mal in die xing-Gruppe „Ganzheitliche Unternehmerinnen“

      Beste Grüße
      Astrid-Beate ;O)

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